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Der Kondor und das Mädchen

    Kleider werden von Frauen gefertigt. Doch der Mann macht die Schuhe. Sogar wenn er Diener hat, bindet er selbst für sich und seine Familie Leder und Wolle zu einem haltbaren Schutz für die Füße zusammen. Ein Bauer, der vor einiger Zeit am schäumenden Urubambafluß wohnte, war nicht so fürsorglich für seine Familie. Frau und Tochter gingen meist barfuß auf Weide und Feld. Eines Tages zog die Tochter mit der Lamaherde wieder einmal in die Berge. Felskanten und das scharfe Schallakagras verletzten ihre Füße dermaßen, daß sie bluteten. Ein Mann in einem schwarzen Poncho kam ihr entgegen. Mitleidig schaute er sie an.

"Du mußt große Schmerzen haben", sagte der Mann.
"Oh, ja", antwortete das Mädchen. "Aber ich kann nichts dagegen tun. Mein Vater hat mir keine Schuhe gegeben."
"So darfst du nicht weitergehen", sagte der Mann. "Ich will dich tragen, damit deine Füße wieder heilen." Er hob sie auf. Sie ließ es geschehen. Er trug sie um die Herde, mal hierhin, mal dorthin, sprach scherzend und neckend mit ihr, und sie lachten sehr viel. Als der Tag sich neigte, sprach er mit liebevollen Worten zu ihr. Dies weckte in ihr Verlangen nach Zärtlichkeit. Sie wurde seine Frau. Doch als sich ihre Sehnsucht erfüllte, spürte sie, daß sie flogen. Der Mann hatte sich in einen Kondor verwandelt und trug seine Geliebte in seinen Horst über der Schlucht. Als die Tochter am Abend nicht nach Hause kam, ging der Bauer sie suchen. In den Bergen fand er nur die unbewachte Herde. Voller Sorge führte er sie in das Tal zurück. Dem Mädchen in dem Horst ging es sehr gut. Der Vogel brachte ihr köstliche Speisen, zartes Fleisch von Meerschweinchen oder in Blättern gebackenen Mais. Er verwöhnte sie auch mit glitzernden Steinen aus dem Inneren der Berge. Einmal brachte er sogar farbige Muscheln aus dem grauen Meer mit. Nach einem Jahr gebar sie ein Kind. Doch war sie nicht glücklich. Ihr fehlten die Eltern, das Haus und die Herde. Auch die Freundinnen aus dem Ayllu vermißte sie sehr. Mit Heimweh im Herzen schaute sie in die Ferne, wo das vertraute Dorf sein mochte. Da gewahrte sie einen Kolibri, der zufällig vorbeigeflogen kam. "K´enti!" rief sie. "Geh zu meinen Eltern und sag ihnen, wo ich bin!"

Der Kolibri ließ sich von ihrer Stimme rühren. Er flog zu den Bauersleuten im Urubambatal und brachte den gramgebeugten Eltern die Nachricht von ihrer Tochter. Unverzüglich wollte der Bauer mit anderen aus dem Dorf in den Horst steigen, um die Tochter zu befreien. Aber der Kolibri sagte: "Fangt zuerst zwei Kröten. Die legt ihr dem Kondor in das Nest. Ich will ihn damit täuschen."

So geschah es. Die Leute fingen zuerst zwei Kröten und machten sich mit ihnen auf den Weg in die Berge. Behutsam schlichen sie sich an das Lager des Kondors heran und konnten die Tochter des Bauern und ihr Kind befreien. Ins leere Nest legten sie die zwei Kröten.

Der Kolibri indessen flog zu dem Kondor und erzählte ihm eine traurige Geschichte: "Ein böser Zauber ist über uns gekommen. Frauen und Kinder verwandeln sich. Deine Frau und dein Kind sind Kröten geworden." Ungläubig flog der Kondor in seinen Horst. Er fand tatsächlich nur noch zwei Kröten vor. Einsam zog er über der Schlucht seine Kreise. Doch anstatt nun für seine Tochter zu sorgen, schickte der Bauer sie wieder barfuß auf die Weide. Mit blutenden Füßen hütete sie die Herde. Und eines Tages kam jener Mann im schwarzen Poncho und schaute sie mitleidig an.

"So darfst du nicht weitergehen", sagte der Mann. "Ich will dich tragen, damit deine Füße wieder heilen." Er hob sie auf. Sie ließ es geschehen. Er trug sie um die Herde, mal hierhin, mal dorthin, sprach scherzend und neckend mit ihr, und sie lachten sehr viel. Als der Tag sich neigte, sprach er mit liebevollen Worten zu ihr. Dies weckte in ihr Verlangen nach Zärtlichkeit. Sie wurde seine Frau. Wie damals erfüllte sich ihre Sehnsucht, und der Kondor trug sie in seinen Horst zurück. Als die Tochter am Abend nicht nach Hause kam, wußte der Bauer, wo er sie zu suchen hatte. Im Morgengrauen des nächsten Tages ging er mit allen starken Männern des Ayllu in die Berge. Sie hatten sich mit der Kriegskeule bewaffnet und sangen zornige Lieder. Doch als sie am Horst ankamen, hielten sie ein. Die Tochter des Bauern konnten sie nicht mehr befreien. Sie hatte inzwischen Flügel bekommen.

("Andenmärchen", Dietmar H. Melzer, idime Verlag, ISBN 3-924026-13-0, Seiten 27-33)

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